Home
17.06.2003

                 Köln, 17. Juni 2003

Herzlich willkommen im Stadtgarten zur heutigen Pflanzung einer Linde! Mein Name ist Heike Müller, ich bin Landschaftsarchitektin und möchte Ihnen heute DEN deutschen Baum etwas näher bringen:

Wir werden heute eine Sommer-Linde, lateinisch Tilia platyphyllos (= Breitblättrige Linde), pflanzen. Die Sommer-Linde wird bis 20 m hoch und kann über 1000 Jahre alt werden. Man sagt, sie kommt 300 Jahre, sie steht 300 Jahre und sie geht 300 Jahre. Linden besitzen eine erstaunliche Vitalität. Selbst wenn ihr Stamm schon ganz hohl ist, kann die Linde aus der Krone kommend Pfahlwurzeln bilden, die ihre Versorgung mit Nährstoffen und Wasser sichern und ihr zusätzliche Stabilität verleihen. Die Sommer-Linde blüht Ende Mai mit herrlich duftenden Blüten. Ihr Blatt ist herzförmig und besitzt auf der Unterseite weiße Bärtchen in den Blattachseln (Unterschied zur ebenfalls heimischen Winter-Linde: kleinere Blätter mit braunen Bärtchen). Die Früchte der Sommer-Linde sind im Vergleich zur Winter-Linde relativ groß (Durchmesser ca. 8mm) und besitzen Kanten.
Die Linde ist seit jeher ein Baum des Volkes.

Nutzung der Linde als Rohstoff:

BAST
Lindenbast wird aus der Rinde gewonnen. Früher war Lindenbast unentbehrlich, es wurden sogar Kleider, Schuhe und Kriegsschilde aus Lindenbast hergestellt! Heute findet Lindenbast fast nur noch in Russland und weniger bei uns Verwendung für Stricke, Seile, für Matten und für Verpackungen. Früher wurde in Griechenland Papier aus Bast hergestellt, in China noch heute.

HOLZ
Das Holz der Linde ist dauerhaft, leicht schneidbar und eines der besten Schnitzhölzer. Vielfach sind Altarfiguren in Kirchen aus Lindenholz geschnitzt. Es eignet sich zudem gut zum Drechseln und zur Herstellung von Kisten, Kästchen und Prothesen.

LINDENBLÜTEN
Lindenblüten werden als Tee gegen Erkältungen und Fieber genutzt. Aus Lindenblütenwasser werden ätherische Öle extrahiert und bei der Parfümherstellung verwendet. Honig aus Lindenblüten wirkt nervenberuhigend. Schon bei den Römern war Lindenblütenhonig wichtig. Damals war Honig die einzige Art von Zucker, und so wurden die Linden während der Blütezeit sogar von Soldaten beschützt.

Bedeutung für das Gemeinschaftsleben:

Die Linde ist seit langen Zeiten ein wichtiger Baum für die Deutschen und hatte Einfluss auf viele Lebensbereiche. Im folgenden werden einige interessante Fakten näher erläutert, die die Bedeutung der Linde für das Leben der Deutschen verdeutlichen. Linden waren der klassische Mittelpunkt der deutschen Dörfer. Hier wurden Versammlungen abgehalten, die die Geschicke des Dorfes betrafen.

NIBELUNGENSAGE
Allen Deutschen ist die Geschichte von Siegfried und dem Drachen bekannt. Besonders hier im Rheinland und dem nahen Siebengebirge ist die Kenntnis dieser Sage ein Muss! Im Siebengebirge gab es einen  Drachen, der den Einwohnern des nahen Dorfes das Leben schwer machte. Siegfried erschlug den Drachen und badete in dessen Blut, was ihn bis auf eine kleine Stelle an der Schulter unverwundbar machte. Er hatte nicht bemerkt, dass während des Bades auf seiner Schulter ein Lindenblatt geklebt hatte. Hagen, der Widersacher Siegfrieds,  erhielt davon Kenntnis und erstach Siegfried eines Tages aus dem Hinterhalt unter einer Linde...

GERICHTSBAUM
Schon bei den Germanen wurde die Thingversammlung unter einer Linde abgehalten. Die Linde der Freya konnte die Wahrheit ans Licht bringen. Unter der Linde befanden sich Gerichtssaal und Gerichtsstätte zugleich. D. h., es wurde auch das Urteil gesprochen und in besonders schweren Fällen sofort vollstreckt, z. B. durch Aufhängen des Verurteilten an der Linde. Noch bis ins 18. Jh. wurde das judicum sub tilia, das Gericht unter der Linde  abgehalten.

HEILIGER BAUM
Die Linde war schon den Germanen heilig. Oft war sie der germanischen Göttin Freya, der Göttin der Liebe und des Glückes, der Fruchtbarkeit und häuslichen Friedens geweiht. Das Holz wurde zur rituellen Verbrennung der Toten verwendet. Auch nach der Christianisierung behielt die Linde ihre Bedeutung und so wurde aus der Freya-Linde die Marienlinde. Gläubige unternahmen Wallfahrten zu bekannten Marienlinden und jeder nahm von den heilkräftigen Blättern mit.

SCHUTZBAUM
Linden sollten vor bösen Geistern, aber auch vor Gewittern schützen. Blätter, Bast und Asche waren Mittel gegen Krankheit, Verhexung und Zauberei. Besessenen wurden die Hände mit Lindenbast gebunden. Es war üblich, die Linde auch in unmittelbare Nähe von Wohnhäusern zu pflanzen, um von diesen allerlei mögliches Unheil fernzuhalten. So war die Linde in ganz Europa als Hausbaum zu finden.

FRIEDE- UND FREUDENBAUM
Auch der Dorftanz wurde unter oder sogar in der Linde veranstaltet. Aus Brettern wurde in der Krone eine Tanzfläche erstellt, die mit Leitern und Geländer ausgestattet und durch Pfosten gehalten war. In manche Lindenstämme waren sogar Stufen eingeschnitten, was den Tanzlustigen den Weg in die Krone erleichterte. In anderen Linden konnten bis zu 6 Paare im hohlen Stamm tanzen!

BAUM DER LIEBENDEN
Von der Linde als Baum der Liebenden zeugen bis heute besonders die deutschen Volkslieder. Oft wurden z. B. die Geschenke des Bräutigams an die Braut in einer Kiste, deren Boden mit Lindenblättern bedeckt war, verpackt. Die Geschenke wurden auf die Blätter gelegt. So sollte Glück in die Ehe gebracht werden. Manchmal wurde auch bei Kindesgeburt eine Linde gepflanzt. Solange es dem Baum gut ging, ging es auch dem Kind gut und umgekehrt. Es gab sogar sogenannte Marienehen oder Mädchenversteigerungen, die unter Linde abgehalten wurden. Dabei ersteigerte ein Junggeselle das Recht, mit einem Mädchen, das unter der Linde angeboten wurde, ein Jahr lang zu allen Festen der näheren Umgebung zu gehen. Stellte sich jedoch heraus, dass das Mädchen nicht jungfräulich war oder blieb, musste die Linde gescheuert werden, d. h. der Rasen oder das Pflaster um die Linde herum wurden entfernt und erneuert.

Ich hoffe, Ihnen mit meinem kleinen Discours  die Linde und ihre Bedeutung für uns Deutsche etwas näher gebracht zu haben. Mögen die Linde hier im Stadtgarten zu Köln und die Linde in Kyoto wachsen und gedeihen und 1000 Jahre alt werden und somit Zeugen unserer Städte- und Völkerfreundschaft sein!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

[Home] [der Verein] [der Park] [die Projekte] [Impressum]